Allgemein

Open Source und Lobbying

Da in der letzten Zeit wieder verstärkt Vermutungen angestellt werden, unser Projekt sei eigentlich nur eine Hintertür für große Konzerne – insbesondere Google – um in die Klassenzimmer reinzuregieren, soll hier mal auf einen spezifischen Punkt eingegangen werden, der dies ziemlich schwierig machen dürfte – insbesondere auf lange Sicht und insbesondere dann, wenn das Bildungs-System in digitalen Dingen langsam wieder mehr eigene Initiative ergreift. Denn auf diesen Aspekt der Diskussion – die große Lücke, die das System da aktuell erzeugt hat, ist Johnny Häusler in einem Blogpost umfänglich eingegangen – das können wir nur breit unterstreichen.

Der wesentliche Motor für den Beginn des Calliope Projektes war unser persönlicher Befund, dass Kindern in unseren Schulen zu wenig digital vermittelt wird – also mit digitalen tools, und über digitale tools – und dass wir nicht warten wollen, bis das System anfängt, diese Lücke selbst zu schliessen. Einfach weil das sehr lange dauern würde, und die Digitalisierung viel zu schnell voranschreitet. Wenn man sich die Mühe macht unsere Aktivitäten genauer zu studieren, wird man andererseits feststellen, dass wir große Fans des Bildungs-Systems sind. Warum sonst sollten wir die Ochsentour gewählt haben, 16 Länder abzuklappern, mit Schulträgern und Ministerien zu sprechen und Material mit LehrerInnen, DozentInnen und in praktischer Erprobung in Klassen und AGs zu erstellen? Wie auch immer – uns war von Anfang an bewußt, dass so eine Schnellboot-Aktion auch Gefahren birgt, und zwar gerade dann, wenn das Ziel ist zügig eine offizielle Flächenversorgung zu erreichen. Denn Bildungs-Gerechtigkeit kann am besten der Staat und seine Organe – oder bei Bildung eben die Länder, Kommunen und Schulträger herstellen. Also musste ein Weg gefunden werden einen Impuls zu setzen, und dabei gleichzeitig bestimmte Absicherungen vorzunehmen, dass es eben keine Lobbying-Veranstaltung werden konnte (es war klar, dass zu Beginn Sponsoren benötigt werden würden – das Einwerben von solchen war witzigerweise eine Bedingung für die initiale Förderung durch das BMWi…) und mittelfristig das System sich das ganze würde „einverleiben“ können.

Um das Absicherungs-Ziel zu erreichen, haben wir eine Reihe von Dingen eingezogen, aber die wichtigsten sind wohl vor allem zwei: die Gemeinnützigkeit und die klare OER policy. Die Gemeinnützigkeit setzt seitens des Staates große Anforderungen – schliesslich können ja Steuern gespart werden mit dem Modell. Daraus resultieren hohe Hürden bei der Erteilung und auch ständiges Monitoring der Geschäftstätigkeit durch die zuständigen Ämter (insbesondere das Finanzamt). Um das alles nicht nur gegenüber den Ämtern, sondern für alle nachprüfbar zu machen, haben wir auch unsere Satzung öffentlich gemacht.

Doch nun zum eigentlichen Punkt dieses Beitrages – der konsequenten OER policy. Denn die Konsequenzen davon scheinen vielen nicht klar zu sein – ist ja auch kein einfaches Feld (auch wir mussten einiges lernen erstmal). Also, mit open educational ressources (OER) ist gemeint, dass Material unter einer Lizenz veröffentlicht wird, die weitgehend das Kopieren und Weiterverarbeiten des Materials erlaubt – je nach konkreter Lizenz mit gewissen Einschränkungen, manchmal nicht zu kommerziellen Zwecken, manchmal auch nur unter der Bedingung, dass neues Material wiederum unter OER Lizenz gestellt wird usw.. Wir haben uns zunächst für die cc-by-sa Lizenz entschieden, und unsere Partner auch darauf committed. Diese Lizenz erlaubt das Kopieren und Remixen des Materials – auch zu kommerziellen Zwecken – wenn das neue Material wieder unter gleichwertiger Lizenz gestellt wird und die Quellen benannt werden. Diese Lizenz ermöglicht ein paar sehr wichtige Dinge. Zum einen ist es einfach möglich, dass LehrerInnen, aber auch Institutionen, Bildungsträger und sogar kommerzielle Akteure das Material ohne Sorgen nutzen, verteilen, kopieren und in neuer Form verwenden dürfen. Das ist sehr wichtig für den Schulalltag. Aber es ermöglicht auch die Entstehung von neuem Material, das auf dem alten aufsetzt. So haben z.B. die Leute von tuduu Calliope Tutorials auf der Basis von Material aus dem Calliope Buch aus dem d.punkt Verlag veröffentlicht. Ohne dafür Gebühren zahlen, oder Abmahnungen fürchten zu müssen. Da wir die Lizenz-Regeln auf alles anwenden, gelten sie sogar auch für das Calliope mini Board selbst und die Software, die darauf läuft. Alles ist offen zugänglich und darf kopiert und weiterverwendet werden*. Deshalb konnte auch die chinesische Makerin Naomi Wu aka @realsexycyborg auf der Basis unseres Materials eine eigene Version des Calliope mini für den chinesischen Markt herausbringen, die chinesische Schriftzeichen anzeigen kann. Die Autorin beschreibt übrigens in ihrem eigenen Code-Repository sehr beeindruckend, was sie mit der Open-Source Lizenz-Philosophie für Ihr Land für eine Mission verfolgt. Und natürlich haben wir selbst auch von Beginn an von der Open-Source policy der britischen microbit Kollegen profitiert, von deren Design der Calliope mini ja ebenfalls einiges geerbt hat.

Dabei ist es uns auch gelungen, den Cornelsen Verlag von dieser Philosophie zu überzeugen, und so ist das mit viel Mühe entstandene Calliope Unterrichts-Material aus diesem Schulbuchverlag das erste in der Verlagsgeschichte unter offener Lizenz! Auch alle anderen Partner, die bisher Material erzeugt haben, haben sich auf diese OER policy committed – so kann man als LehrerIn schon im ersten Jahr des Projektes auf einen großen Fundus von Material aus verschiedenen Quellen zugreifen und daraus eigenes Material ableiten und kompilieren.

Neben dem Unterrichtsmaterial, der Hardware und der Software stehen schliesslich auch die Editoren im Calliope Projekt unter offener Lizenz. Das ist noch ein sehr wesentliches Puzzle-Teil. Damit ist es möglich sich eine eigene Kopie z.B. des pxt-Editors von Microsoft aus den Quellen zu ziehen und selbst zu betreiben – und zu modifizieren! Mit dem Editor von Open-Roberta ist das ebenso möglich – es gibt davon auch schon wilde Kopien in diversen Ländern, die produktiv im Einsatz sind. Natürlich wird das in diesem Fall nicht unbedingt empfohlen, da die zentral vorgehaltenen Editoren viele Vorteile haben im Schulbetrieb (z.B. Ausfallsicherheit, schnelle Sicherheits-Updates und neue Features sowie Bugfixes, einfacherer Support etc.). Aber es ist prinzipiell möglich und kann auch so gestaltet werden, dass neue Features, Bugfixes usw. jeweils nachgezogen werden.

Warum ist das wichtig im Zusammenhang mit dem Lobbyismus Vorwurf, insbs. dem, man plane langfristig das Schulsystem irgendwie regelrecht zu untergraben? Ganz einfach, weil es eine ziemlich dumme Strategie wäre, wenn man dieses Ziel wirklich verfolgen würde. Denn mit Open-Source Lizenzen ist es nicht nur möglich, die Kontrolle über das Material zu verlieren und abzugeben, es ist der Standard und das Ziel. Und wie soll eine tiefe Beeinflussung des Bildungs-Systems oder einzelner SchülerInnen gelingen, wenn weder das Lehrmaterial, noch der Editor von einem der lobbyierenden Unternehmen stammt? Was das Material anbelangt, werden wir relativ schnell das Heft aus der Hand genommen bekommen – das sieht man sehr schön z.B. im Saarland, wo das landeseigene LPM von Beginn an auf Material aus eigener Produktion gesetzt hat (natürlich unter offener Lizenz). Vermutlich wird es auch nicht lange dauern, bis das erste Bundesland tatsächlich eine eigene Version eines der Editoren abzweigt, und in eigener Regie betreibt. Wir werden das jedenfalls unterstützen, sobald sich die Konstellation ergibt.

Natürlich heisst das nicht, dass wir gegen Lobbying und insbesondere auch die subtileren Varianten davon immun sind, das wäre naiv anzunehmen. Aber dafür gibt es eben die zusätzlichen Kontrollen, gGmbH, Transparenz, unabhängiges GründerInnen-Team, Multi-Stakeholder Finanzierung usw. – und wir werden uns weiter auch die Kritik aufmerksam anhören und ggf. weitere Massnahmen einziehen, oder eben Aufklärung betreiben.

Damit glauben wir die Gefahr des illegitimen Bypass um das Bildungs-System herum ausreichend eingedämmt zu haben. Sie erscheint uns so jedenfalls allemal kleiner, als die Gefahr mit dem aktuellen Angebot des Systems noch ein paar Jahrgänge von Kindern einfach vor die digitale Wand laufen zu lassen.

 

 

 

*es gibt nur einen Marken-Schutz auf der konkreten Form des Boards. Das war wichtig um kontrollieren zu können, dass keine exakt gleich aussehenden Boards auf den Markt kommen, die z.B. von schlechterer Qualität sind

13 Kommentare zu „Open Source und Lobbying

  1. Ich lese sehr gerne: „und wir werden uns weiter auch die Kritik aufmerksam anhören und ggf. weitere Massnahmen einziehen, oder eben Aufklärung betreiben“
    An letzteres anknüpfend stelle ich erneut – wie schon seit Monaten – die Transparenzfrage: Wer hat wann wieviel (bzw. in welcher Form) zum Projekt und/oder der gGmbH beigetragen?

    Wenn dies nicht getan wird, würde ich um eine Begründung bitten, warum man diese konkrete Transparenz herzustellen nicht bereit ist.

    Gefällt mir

      1. Wer bedeutet ein Name des Gebers. Wann bedeutet ein Datum und wieviel bedeutet eine Zahl in Euro (oder Nennung der Sachleistung). Wo steht das – ich kann es unter dem Link nicht finden?

        Das einzige, was ich sehe, ist das „wer“. Und dann gibt es unkonkrete Umschreibungen oder auch nichts weiter bei einzelnen Partnern.
        Am Beispiel Google: „Google wird den Einsatz des minis in weiteren Bundesländern unterstützen, darüber hinaus wurde der mini in die Open Roberta Plattform des Fraunhofer-Instituts IAIS integriert.“ Das ist keine Transparenz sondern eine vage Umschreibung. Datum und Umfang/Höhe fehlt – wie auch bei anderen Partnern.

        Gefällt mir

      2. Also wir haben an anderer Stelle die Summe genannt, die Google gespendet hat (1.1Mio) – das hat Google auch selbst an anderer Stelle veröffentlicht. Bei allen anderen ist es aus den genannten Gründen nicht einfach möglich ebenfalls einen Betrag zu nennen. Machen Sie doch mal einen Vorschlag, wie das Problem aufgelöst werden sollte anstatt immer den gleichen Vorwurf zu erheben.

        Gefällt mir

      3. Ich kann die Stelle nicht finden, an der die Summe genannt wurde (gibt es einen Link?). bei Google.org steht übrigens eine andere Zahl – wie ist das zu verstehen?
        Wer genau hat also das Geld gegeben?
        Wann hat Google diese 1,1 Mio bezahlt?

        Der Vorschlag ist doch mehr als einmal gemacht – seit inzwischen gut 12 Monaten:
        Eine Tabelle, Auflistung, Zusammenstellung, aus der folgende Informationen zusammenhängend, umfänglich ersichtlich werden:
        Wer hat wann was bzw. wieviel gegeben.
        Ich denke, von einem Gesellschafter/Geschäftsführer einer gGmbH kann man sowas erwarten.

        Wer in Schulen agiert, sollte von sich aus und ohne dass über Monate nachgefragt werden muss, eine so umfängliche Transparenz herstellen, dass jeder sich einen Überblick über alle Beteiligungen in Name, Zeitpunkt und Umfang herstellen kann. Und jeder sollte aufgrund dieser Transparenz zu einem eigenständigen Urteil gelangen können, ob er/sie meint, dass ein schulisches Projekt/Vorhaben/Angebot von einzelnen (und welchen) Akteuren/Partnern/Spendern dominiert wird oder das jeweilige Engagement in der Schule von diesem abhängig ist. Beides ist in der aktuellen Situation noch immer nicht möglich hinsichtlich der Calliope gGmbH. Und übrigens auch nicht bei Ihrem Partner OpenRoberta, in dem ja noch viel mehr Google-Millionen und Zahlungen Dritter drinzustecken scheinen. Aber das ist nicht Ihre Verantwortung – spielt aber in der demokratischen Transparenzdiskussion eine wichtige Rolle, wenn man zu einem eigenen Urteil kommen möchte, mit wem die Calliope gGmbH kooperiert. Wenn dort der selbe Financier in einem womöglich existenzbegründenen Umfang aktiv ist, dürfte doch nachvollziehbar sein, dass man zu der Frage kommt, was die (Un)Abhängigkeit vom Financier angeht.

        Aber vielleicht gelingt Ihnen ja die Transparenz gegenüber den parlamentarischen Abgeordneten in Mecklenburg-Vorpommern: http://www.dokumentation.landtag-mv.de/Parldok/dokument/40001/rolle-und-aufgabe-der-„calliope-ggmbh“-sowie-von-google-im-zusammen-hang-mit-den-calliope-mini-computern-für-die-öffentlichen-grundschulen-in.pdf

        Gefällt mir

    1. Und Herr Scheppler – was ich gerne mal von Ihnen lesen würde ist eine etwas elaboriertere Kritik, die über Nebelkerzen wie „deep lobbying“ oder „sind alle in der SPD“ oder „GOOGLE!!“ hinausgeht. Johnny Häusler fordert ja zurecht eine Debatte, die von beiden Seiten mit ein bisschen mehr Mühe und intellektueller Redlichkeit betrieben wird. Zudem wäre es auch mal gut zu beleuchten, warum denn so eine spektakuläre Lücke im deutschen Bildungs-System klafft (auch im europäischen Vergleich)? Warum haben die Vertreterinnen des Systems (zu denen Sie ja auch gehören) es überhaupt soweit kommen lassen? Was ist mit den von Ihnen so oft eingeforderten demokratischen Prozessen schiefgelaufen, so dass unsere Kinder so ein schlechtes Angebot vorfinden? Oder würden Sie sagen, das ist der demokratische Wille und einfach gut so?

      Gefällt 1 Person

      1. Hr. Noller, die Wertung bringen Sie rein. Wenn Ihre gGmbH im maßgeblichen Umfang auf Geldspenden von Mercedes, Deutsche Bank oder McDonalds basieren und die Geschenke in die Schulen vorbei an demokratischen Vorgaben wie womöglich in Mecklenburg-Vorpommern oder per „Handschlagvertrag“ im Saarland basieren würde, würde ich halt diese Unternehmen beim Namen nennen.
        Eine Bewertung des Unternehmens Google habe ich nie vorgenommen. Lediglich eine betreffend Ihrer gGmbH und deren Vorgehen im demkratischen Schulsystem mehrerer Bundesländer. Zumal ja immer noch nicht transparent ist, was genau sich hinter „Google“ als Geldgeber verbirgt und welchen weg der Spendenzuweisung wann von Google gewählt wurde.

        Und die Frage, warum Politiker als Volksvertreter wann wie entschieden haben, müssen Sie diese selber fragen. Ihre Wertung, dass in „demokratischen Prozessen (etwas) schiefgelaufen“ sei, teile ich nicht und kann auch nicht feststellen, wo/wann gegen demokratische Grundsätze verstoßen wurde. Was – selbst wenn es so wäre – kein Grund/Rechtfertigung wäre, dass Sie eine gGmbH gründen, sich finanzstarke Partner suchen und es dann mal selber in die Hand nehmen. Wenn so ein Vorgehen im wahrsten Sinne des Wortes „Schule machen“ würde, hätten wir absehbar bald sehr große Probleme in den Schulen.

        Gefällt mir

      2. Sehen Sie, das ist genau was ich meine mit „ein bisschen elaboriertere Kritik“. Wir haben eben nicht einfach eine gGmbH gegründet und ein paar Sponsoren gesucht. Tatsächlich ist die Idee für Calliope mini aus dem BMWi entstanden (konkret dem Beirat junge digitale Wirtschaft), also in einem demokratisch legitimierten Apparat. Dann wurde es auf ganz offiziellem Weg mit Steuergeldern finanziert und u.a. mit der Kanzlerin und dem halben Kabinett der Öffentlichkeit vorgestellt. Dabei gabe es auch schon viele Gespräche mit Leuten aus dem Bildungs-System, vom Grundschul-Lehrer über Professoren bis hin zu Leuten aus den Kultusministerien. Dann erst kamen Sponsoren dazu (u.a. weil die Regularien des BMWi das verlangen als Nachhaltigkeits-Beweis) und Google war nicht unter den ersten. Bei den Kritik-Geschützen, die sie regelmässig auffahren, würde ich einfach erwarten, dass solche Zusammenhänge ein bisschen sauberer recherchiert werden und die Kritik an echten Punkten in der Entstehungsgeschichte ansetzt, und nicht nur einem gefühlten Zusammenhang.
        Und was die Prozesse anbelangt und was schief gelaufen sein mag: Ihnen scheint es nicht aufzufallen (oder egal zu sein) – aber unser Kinder werden nach übereinstimmender Meinung von vielen ExpertInnen derzeit nicht adäquat auf das digitale Zeitalter vorbereitet- weder im Hinblick auf digital literacy noch was den Einsatz digitaler tools im Unterricht anbelangt. Mein Verständnis von demokratischen Prozessen ist auch, dass dabei etwas herauskommen sollte, was die Interessen der Betroffenen gut widerspiegelt. Das scheint mir in dieser Sache nicht der Fall zu sein. Aber da sind wir wohl unterschiedlicher Meinung.

        Gefällt 1 Person

      3. Wenn dem so ist, dürfte es doch kein Problem sein, transparent zu machen, wann wer wieviel/was beigetragen hat, oder?
        Ich gehe davon aus, dass Spenden/Sponsoring in dieser Höhe (z.B. Google) auch vertraglich/schriftlich dokumentiert werden.
        Genau um diese Transparenz, nach der ich nun seit Monaten frage, geht es doch. Legen Sie einfach alle Karten offen auf den Tisch. Zur Recherche hätten Sie übrigens auch schon vor Monaten beitragen können, wenn Sie die entsprechenden Fragen beantwortet hätten.

        Gefällt mir

  2. Sehr geehrter Herr Scheppler,

    Mir drängt sich der Eindruck auf, sie möchten nun, nachdem spätestens durch obige Erläuterungen Ihre Verschwörungstheorie zerlegt wurde, Ihr Gesicht retten, indem Sie jetzt ihre gesamte Argumentation an eine für die Calliope gGmbH wegen vertraglicher Gründe bzw. geheimer Einkaufspreise unerfüllbare Forderung nach den Details zu deren Spenden knüpfen.

    Dagegen sind aus meiner Sicht Sie zunächst in der Pflicht, zu begründen, warum das überhaupt eine Rolle spielt.
    Während eine direkte oder indirekte Zuwendung an einen öffentlichen Entscheidungsträger an sich schon bedenklich sein muss, ist eine Spende an eine gemeinnützige Organisation an sich erstmal noch nichts Verdächtiges. Wenn ein Großkonzern Geld an die Heilsarmee gibt, sollte man seine Phantasie erstmal zügeln und ohne weitere Beweise diesem Konzern nicht sofort vorwerfen, die dort betreuten Personen manipulieren und in eine konzerneigene Zombie-Armee eingliedern zu wollen.

    Lobbyismus, also das Beeinflussen öffentlicher Entscheidungsträger zugunsten eigener Interessen ist in unserem Alltag in vielen Formen verbreitet, ich sehe da Industrievertreter in einer Reihe neben Gewerkschaftern und vielem mehr. Das ist differenziert zu bewerten, es wird sehr kritisch, wenn die Interessen derer, die ein Entscheidungsträger von Amts wegen vertreten muss, zugunsten der Interessen eines einzelnen, etwa eines Geldgebers, beschnitten werden. Bedenklich kann es auch schon sein, wenn ein Geldgeber zumindest deutlich mehr profitiert, als die zu vertretende Allgemeinheit. Ein schwerreicher lokaler Industriebaron schließlich, der der maroden Schule an seinem Heimatort Geld für ein neues Dach spendiert, weil er einfach glaubt, dass sein Töchterchen dort dann besser aufgehoben ist, nützt sich zwar auch selbst, aber der Allgemeinheit noch in weit größerem Maße (zumindest wenn dann noch der Schuldirektor Rückgrat genug hat, auch in Zukunft dafür zu sorgen, dass etwa kritische Bemerkungen zu diesem Unternehmen nicht behindert werden und schließlich auch das Unternehmerkind nicht bevorzugen lässt).
    Wer Lobbyismus vorbeugen will, dem mag schon eine Spende ein Anhaltspunkt sein, um weiter nachzuforschen. Sie ist oft eine Voraussetzung für Beeinflussung, aber allein (siehe Schuldach, siehe Heilsarmee) noch gar kein Beweis für irgendwas, nein man muss das nun noch gezielt auf mögliche Interessenkonflikte und Vorteilslagen (für die einzelnen Parteien) abklopfen und auf Stichhaltigkeit untersuchen. Und hier wird es beim Calliope schon sehr schwierig, was Handfestes zu finden.

    Die von Ihnen z.B. auf Ihrer Seite Bildungsradar angeführten Bedrohungsszenarien in den Artikeln zu Calliope und zu OpenRoberta sind viel zu vage („deep lobbying“) bzw. stimmen schlicht nicht (Vergleich der Calliopes mit der Ausstattung amerikanischer Schulen mit Chromebooks, bei denen geht es tatsächlich darum, Kinder langfristig an die proprietären Google-Server mit Google-Docs zu binden, das betrifft schließlich das Kerngeschäft von Google mit Milliardenumsätzen). Insbesondere werden in Ihren Artikeln die entscheidenden Vorkehrungen, die den Missbrauch für lobbyistische Zwecke nahezu unmöglich machenden sollen, nämlich die durchgängigen OpenSource und OpenHardware-Konzepte, nicht mit einer Silbe erwähnt. Man könnte unterstellen, dass das Ihre Absicht war, und Sie selbst als Lobbyist für irgendeine konkurrierende Geschichte Geld von irgendwem erhalten. Oder aber sie haben das einfach komplett übersehen oder schlicht nicht verstanden. Das spricht dann aber auch nicht unbedingt für Sie und Ihre Arbeit, wenn Sie, wie zu lesen ist, seit 10 Jahren zu digitalen Medien in der Bildung bloggen.

    Sie wurden in letzter Zeit viel zitiert, ich weiß von Spiegel-online, der taz und lobbycontrol.de. Wahrscheinlich haben Sie das mitbekommen, und vielleicht gefällt es Ihnen ja. Wie mir scheint, haben Sie damit bei einer gewissen Zielgruppe – eher außerhalb des MINT-Bereichs – schon viel Verwirrung gestiftet und Schaden angerichtet! Ich bitte Sie eindringlich darum, wenn Ihnen Glaubwürdigkeit und Seriosität wichtiger sind als Ihre persönliche Selbstprofilierung durch breite Medienpräsenz, Ihre Blogbeiträge zurückzuziehen oder zu überarbeiten und möglichst alle, die bisher öffentlich daraus zitiert haben, darauf hinzuweisen, dass Ihnen in Ihrer Recherche nicht gerade unbedeutende Patzer unterlaufen sind.
    Wenn Sie weiterhin auf Ihren These vom gefährlichen Lobbyismus bei Calliope beharren möchten, dann bitte ich Sie mal wenigstens ein plausibles Szenario oder Geschäftsmodell zu skizzieren, mit dem konkret Google mit dem Calliope in etwa persönliche Daten erbeuten, Abhängigkeiten für Lehrer, Schüler oder Ministerien schaffen, Marktanteile gewinnen oder gar Geld verdienen könnte.

    Und wenn Sie es vorziehen, sich weiter hinter der letzten Forderung nach sämtlichen Zahlungsdetails zu verschanzen, dann geben Sie doch zunächst bitte einmal an, welchen Gewinn sie sich daraus erhoffen. Denn solange das alles bei Open-Source bleibt:
    was wäre denn eigentlich anders, wenn Google sogar zehn oder hundert Millionen Euro gespendet hätte, an einem festen Termin oder verteilt über einen größeren Zeitraum? Ich denke, Sie wissen sehr genau: auch wenn die Calliope gGmbH sämtliche Finanzdaten preisgeben würde, würde Ihnen das in Ihrer Argumentation gar nicht weiterhelfen. Dass die Calliope gGmbH die Daten nicht liefern darf, rettet Sie gerade vor der totalen Blamage.

    Viele Grüße

    André Holzhey

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Herr Holzhey,
      da haben Sie sich ja viel Mühe gegeben mit Ihrem Text. Dafür zunächst vielen Dank (auch fürs Lesen meines Blogs).
      Ich will nur kurz auf ein paar Aspekte eingehen:
      1) Die Begründung für die Frage nach Person, Umfang und Zeitpunkt der Sponsoren/Spender, die die Verteilung der Geräte in den Schulen ermöglicht haben, ergibt sich – am konkreten Beispiel Mecklenburg-Vorpommerns, an dem sich die Diskussion ja entzündete – aus der dortigen Verwaltungsvorschrift „Empfehlungen zur Werbung, Erhebung von Geldspenden, wirtschaftlichen Betätigung und zu Sammlungen an öffentlichen Schulen“ – dort insbesondere (nicht nur der Punkte 1.2.1 bis 1.2.4 als auch 3.1)
      2) Die Debatte um OpenSource kenne ich gut und begrüße natürlich OpenSource-Projekte, wie es auch Calliope eines ist. Wie Sie in meinem Blog aber lesen konnten, geht es gar nicht um den technischen Aspekt. Die Kritik würde gleichlauten, wenn ein Automobilhersteller einen vergleichbaren Weg gewählt hätte, um Verkehrserziehung in Schulen zu stärken, oder ein Lebensmittelkonzern über eine maßgeblich durch ihn Schenkungen vornehmende gGmbH ihm wichtige Aspekte der Ernährungsbildung in Schulen etablieren wollte. daher habe ich im Blog ja auch begründet, warum ich diese Aspekte bewusst – und nicht wie von Ihnen angedeutet aus potentieller Unkenntnis – ausgeblendet.
      3) Das Beispiel des schwerreichen Industriebaron halte ich für gut: Ein solches Vorgehen würde tatsächlich die Bildungsgerechtigkeit im Land massiv stören und zu Ungerechtigkeiten führen. Dies passiert übrigens auch in den Bundesländern mit Calliope-Schenkungen. Siehe dazu 1) Dabei geht es nicht darum, kritische Bemerkungen zu diesem Unternehmer zuzulassen. Alleine die Tatsache, dass wir äußere und (wie im Fall von Calliope) sogar innere Schulangelegenheiten auf der Grundlage und/oder Abhängigkeit Dritter finanzieren, ist aus meiner Sicht eines der deutlichsten Hinweise auf die Unterfinanzierung des Bildungssystems, die wir nicht punktuell mit mäzenatischen Aktionen sondern prinzipiell angehen müssen. Und dabei (bei letzterem) erweisen Spenden/Schenkungen eher einen Bärendienst.
      4) Auf Ihre Mutmaßungen zu meiner Person und meinen Intentionen will ich nicht eingehen, da Sie ja damit genau das tun, was Sie mir (aus meiner Sicht fälschlicherweise – aber sei es drum) gerade vorwerfen.
      5) Patzer in der Recherche kann ich noch nicht feststellen und konkret Ihrem Beitrag nicht entnehmen. Wo sehen Sie eine sachlich falsche Aussage? (Dass man auf der selben Faktengrundlage zu unterschiedlichen Einschätzungen/Bewertungen kommen kann, ist ja zunächst in einer meinungspluralistischen Gesellschaft nichts Verwerfliches).

      Mit besten Grüßen.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s