Allgemein

Zeitenwechsel

Zwischen den Jahren 2016 und 2017 halte ich kurz inne. Was war das – im Großen gesehen – für ein grauenvolles Jahr, dieses 2016. Brexit, Trump, viele Menschen, die mich mein ganzes Leben begleitet haben – Prince, David Bowie und Leonhard Cohen – sind gestorben. Im WDR Fernsehen läuft „Zimmer frei“ nicht mehr und Domian hat dieser Tage ebenfalls seine letzte Sendung gegeben. Es fühlt sich an wie „zu Ende“.

Gucke ich auf mein persönliches Jahr, ist es weniger düster. Ihr erlaubt, dass ich ein wenig aushole? Ich werde versuchen, gegen Ende des Textes die Klammer meisterhaft zu schließen, wartet’s nur ab 🙂

Und das Jahr 1987 herum pflegte ich mit meinen zahlreichen Geschwistern, Cousins und Cousinen und einigen Kindern aus #Rhade die Sommer in Büschen, Tümpeln, Bächen und Kornfeldern zu verbringen. Im Jahr 1987 dann kamen meine Eltern auf die Idee, mir einen Atari 1040 ST für 1900,- DM zu schenken. Wir hatten uns bei dem Mann einer Kollegin meiner Mutter Rat geholt, damals hörte ich das erste Mal in meinem Leben das Wort „Datenbank“. 1900,- DM waren eine ziemliche Bürde für mich, weil mir klar war, dass nicht alle meine zahlreichen Geschwister ein Geschenk in dieser Preisklasse würden erhalten können. Also nahm ich mir vor, das Ding zum Programmieren zu verwenden und nicht nur zum Zocken. In GFA-Basic 3.0 habe ich meine ersten Programme geschrieben. Ich lernte, was eine Schleife ist, was Variablen sind, was ein String ist und was eine Integer-Zahl. Dieses komische Wort „boolean“ hat mich sehr lange beschäftigt, bis ich verstanden hatte, was das soll. Ich glaube, der Markt&Technik Verlag und Data Becker haben ganze Abteilungen nur mit dem Geld unterhalten, das ich bei ihnen investiert habe.

Ich tippte Codes aus dem ST-Magazin ab, ohne zu verstehen, was die bewirken würden. Ich startete die abgetippten Programme und mein Erstaunen und Glück war unermesslich – da passierten unglaubliche Dinge und ich hatte sie irgendwie erschaffen! Ich fing an, die Quellcodes zu verstehen. Manche Sachen habe ich bis heute nicht ganz durchblickt, aber das war wir dann auch egal, sie ließen sich mit ein paar wenigen Anpassungen in meinen eigenen Codes wiederverwenden (das waren so coole Bildschirmumschalteeffekte wie ich sie aus dem Abspann der Tele-Illustrierten im ZDF kannte!)

Später schlug ich mich mit dem zickigen ST Pascal Plus herum und hatte schon bald keinen Bock mehr, weil ständig alles nicht kompiliert werden konnte, weil ich ein verschissenes Semikolon irgendwo vergessen hatte. In der Schule hatte ich Latein, dann Englisch, dann Französisch und irgendwann Informatik. Dort erzählte mir ein Lehrer in einem fensterlosen Computerraum etwas vom Stackpointer und ich verlor das Interesse.

Nach dem Abitur und dem Zivildienst begann ich zu studieren: Klassische Archäologie, Vor- und Frühgeschichte und noch irgendsoein auf Karriere getrimmtes Fach. Zwischendurch erwarb ich das Graecum und die Grundlagenscheine in Mittelägyptisch. Computer waren irgendwie aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich wohnte inzwischen mit meiner Schwester in Bonn in einer Zweier-WG und sie bekam einen PC und einen Internetanschluss vom Institut für Dingsdabumsda von der Uni Bonn. Wir waren online! HTML trat in mein Leben und Webseiten! Weltbeherrschungsphantasien beflügelten mich! Ich fotografierte Porträts römischer Kaiser und die dazugehörigen Münzen aus Büchern ab und stellte sie ins Netz. Das Thema Urheberrechte streifte mein Unterbewusstsein, bekümmerte mich aber nicht weiter. Damals, es muss so um 1996 herum gewesen sein, nannte ich mich das erste Mal irgendwo im Internet „Pausanias“, weil ich im Rahmen meines Studiums einen Kurs belegt hatte, in dem wir die Schriften des Pausanias im griechischen Original lasen. Pausanias war schon immer eine der wichtigsten Schriftquellen für die klassische Archäologie. Zusammen mit meinem besten Freund (der später, nachdem meine Schwester ausgezogen war, mit mir zusammen in ebenjener WG ein beinhartes Immunsystembootcamp errichtete) baute ich Webseiten. Wir besuchten einen HTML-Kurs an der Uni. Aus diesem Kurs heraus wurden wir quasi allesamt von eVita.de, dem Shoppingportal der Deutschen Post, als Hilfskräfte eingekauft. Wir verdienten Geld mit unseren unfassbaren Computerkenntnissen, über 20 Mark die Stunde!

Wenig später brauchte die Post einen Dienstleister, der HTML-Gerüste bauen und diese für Netscape 4.72 anpassen konnte. Wir konnten das! Wir holten uns einen Gewerbeschein, gründeten die nogstyle holz hübner kaiser loick GbR und bekamen einen Auftrag mit einem fünfstelligen Volumen in Deutsche Mark! Fünfstellig! Wir dachten, wir müssten nie wieder Hunger leiden!

Seitdem sichert die nogstyle meinen Lebensunterhalt, die Budgets haben sich etwas gewandelt, die Rechtsform und meine Profession dabei ebenfalls. Nichtsdestotrotz ist sind es IT-Projekte, die mich und meine Kinder ernähren.

Ich bin nie wirklich Coder geworden, Datentypen und Klassendiagramme kenne ich, aber sie machen mich nicht an. Ich wollte immer alltägliche Probleme durch die IT gelöst bekommen (womit ich als Anforderungsmanager, wie man mich landläufig zu titulieren pflegt, bestimmt das eine oder andere Entwickler*innen-Team an den Rand des Wahnsinns getrieben habe). Meine Interessen jenseits von Codes und Systemarchitekturen waren, glaube ich, wichtige Einflüsse, die stärkend auf die Systeme, bei deren Aufbau ich mitarbeiten durfte, gewirkt haben. Die 1900,- DM für den Atari ST, die meine Eltern damals investiert haben, haben sich für mich ausgezahlt.

Nun ist das Schauerjahr 2016 zu Ende und ich erzähle Euch Dönekes aus meinem kleinen Leben, warum das? In meinem Trübsal, das mich bei Lektüre der Jahresrückblicke auf 2016 ergriff, stolperte ich über diesen saustarken Tweet von @maureenjohnson:

Und ich dachte an meinen Atari. Und ich dachte an unser gerade in diesem Jahr gestartetes Calliope Projekt. Und ich dachte, vielleicht trage ich gerade meinen kleinen Teil dazu bei, die Welt zu verbessern – vielleicht nicht die ganze Welt, aber vielleicht die von einem Mädchen, das eines Tages sein eigenes datengetriebenes Geschäftsmodell auf die Straße bringen wird. Oder das vielleicht eine politische Entscheiderin wird, die unser aller Zusammenleben regelt.

Was zu Ende ist, war gerade noch groß, deswegen fühlt es sich so leer an, wenn es plötzlich weg ist. Was am Anfang steht, ist klein und verletzlich und niemand weiß, was daraus wird. Aber es ist ein Anfang.

 

Ein Kommentar zu „Zeitenwechsel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s